Paul Gross-Hintergründe

Paul Gross "Potsdamer Platz"
Paul Gross "Potsdamer Platz"

Kinetische Felder

 

Beim Blick aus einem fahrenden Zug nehmen wir die Umgebung, in Abhängigkeit der Geschwindigkeit des Zuges und der Entfernung der betrachteten Objekte, als Farbstreifen wahr. In der Wahrnehmungspsychologie bezeichnet man dieses Phänomen als Muster des optischen Fließen. Paul Virilio beschreibt diese Art der Wahrnehmung wie folgt: „Wenn wir durch ein Feld gehen, sprechen wir von einem FELD, wenn wir aber mit dem Auto durch die Beauce, die Landschaft südwestlich von Paris, fahren, werden die belebten Felder KINETISCH...“.

 

Bewegt sich eine Kamera in gleicher Weise wie der im Zug oder Auto sitzende Betrachter, so zeichnet die Kamera ebenfalls ein Streifenmuster auf. Die Unschärfe-Streifen sind Ausdruck der Bewegung. Dieses gespeicherte Bild ist dem des im Wagon sitzenden Passagiers sehr ähnlich. Der Passagier als auch das belichtete Filmfeld befinden sich während der Bewegung an einem sogenannten Nicht-Ort, d.h., an einem nicht fixierten Ort.

Da sich die Kamera bewegt und gleichzeitig auf dem Film ein „Feld“ belichtet, kann man dieses auch als „kinetisches Feld“ bezeichnen.

 

Mit dem Aufkommen der ersten Dampfmaschine hat sich unsere Wahrnehmung der Dinge dramatisch geändert. Durch die rasante technische Entwicklung erhöht sich die Geschwindigkeit der Bewegung ständig. Fortbewegungs- und Kommunikationsmittel werden immer schneller. Große Entfernungen werden in immer kürzeren Zeitabständen überwunden. Der Raum verliert an Bedeutung wogegen die Zeit an Wichtigkeit gewinnt. Diese permanente Beschleunigung beeinflusst und bestimmt unsere Wahrnehmung und unser Leben. Der Mensch stößt an seine körperlichen und psychischen Grenzen. Die Verlangsamung der Beschleunigung des Lebens, wird auch als „Entschleunigung“ bezeichnet.

 

Mit den „kinetischen Feldern“ lasse ich durch unterschiedliche Bewegungsabläufe des lichtempfindlichen Filmfeldes Bilder entstehen. Durch die Bewegung der Kamera wird das Motiv bis zur vollständigen Abstraktion verändert. Das Aufgenommene erhält ein neues Erscheinungsbild, so dass es nur zum Teil oder nicht identifizierbar ist. Beschleunigung, „Entschleunigung“, Stillstand des Filmfeldes und der Zufall bestimmen den Grad der Abstraktion. Die Bilder verweigern den Einblick in die sichtbare Realität, obwohl die Titel auf eben diese Realität hinweisen. Die Bilder sehe ich als Metapher unserer ständigen Beschleunigung. Die abstrakten oder halbabstrakten Fotografien sollen auf diese Wahrnehmungsveränderung aufmerksam machen.

 

An dem umfangreichen Projekt der „kinetischen Felder“ arbeite ich seit 2002. Im Rahmen dieser fotografischen Auseinandersetzung entstanden bisher die Raumbilder und die Pendelbilder. Diese Arbeiten sind eng mit dem im folgenden beschriebenen fotografischen Vorhaben verbunden, so dass ich an dieser Stelle kurz auf diese eingehen möchte.

Die Raumbilder entstanden an besonders hochfrequentierten Orten, wie Bahnhöfe, Verkehrsknotenpunkte etc.. Diese Räume sind einer stetigen Veränderung ausgesetzt. Menschen kommen und gehen. Transportmittel streifen oft nur für kurze Zeit die Szenerie. Der Besucher dieser „Orte der Bewegung“ wird mit einer Vielzahl von Bildern und Eindrücken konfrontiert. Um den ihn umgebenden Raum zu erfassen, muss er seinen Körper in Bewegung versetzen, sein eingeschränkter Sehwinkel von ca. 150° zwingt ihn dazu. Bei den Raumbildern führt die Kamera die Bewegung des Betrachters, mittels einer speziell konstruierten Maschine, aus. Die Kamera dreht sich dabei 360° um ihre eigene Achse und speichert die Informationen des Raumes auf dem Filmfeld.

Angeregt durch spielende nepalische Kinder mit einer an einer Kette hängenden Tempellampe, kam mir die Idee der Pendelbilder.

Die Kamera hängt dabei an einer Schnur oder an einem Draht und ist somit wie ein Pendel frei schwingend beweglich über dem Objekt angebracht. Durch diese Pendelbewegung wird der Gegenstand oder Körper aus geringer Distanz „abgetastet“, dass Bild entsteht aus dem Zufall der Bewegung heraus. Eine solche „Methode des Zufalls“ wurde schon 1942 von Max Ernst mit einer farbengefüllten Konservendose angewandt, die sogenannte Oszillation. Mit einer an einer Schnur befestigten und durchbohrten Konservendose, entstanden durch die Schwingbewegung der Dose überraschende Bilder.

 

 

 

 

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